Der Mythos der Arbeit

 

Erster Arbeitstag

 

Es war wohl früh am Morgen, als Kesselmann mit Aktentasche unterm Arm und Brille auf der Nase das Redaktions­hochhaus erreichte. Mit großen Metall-Buchstaben war dort „P-Anzeiger“ über dem Eingang angebracht. Nichts weiter deutete auf besondere Geschäftigkeit hin. Ruhig, fast verlassen muss das Gebäude gewirkt haben. Kesselmann hatte kurz zuvor noch im U-Bahnhof einiges Zeug auf dem Bahnsteig betrachtet (vor allem Zeitungen am Kiosk). Nun richtete er langsam seinen Blick empor, bis hinauf zur Spitze des Gebäudes. Ein leichtes Gefühl der Erhabenheit ergriff ihn, aber auch Erleichterung. Und obwohl Wolken den freien Blick hinauf versperrten, bekam Kesselmann eine Ahnung, ja, ein tiefes Gefühl der Wichtigkeit seiner Aufgabe. Ein Schauder durchfuhr ihn, bevor er schließlich mutigen Schrittes durch die Drehtür ins Foyer des Hochhauses eintrat.


Hinter einem großen Empfangstresen saßen zwei Männer im Anzug, lasen Zeitung und winkten ihn, nachdem er seinen Namen genannt hatte, durch: „Sie werden erwartet.“ Hinter ihnen bemerkte er die geschlossen Türen zweier Fahrstühle, die wie parallele Türme im Inneren eines größeren Turms die Mitarbeiter und Gäste in geraden Linien nach oben beförderten. Mit einem Klingeln öffnete sich eine der beiden Türen, Kesselmann trat ein und drückte auf die 14. Langsam erhob sich die Fahrstuhlkabine und es kam Kesselmann vor, als würde er den anschaulichen Raum der euklidischen Geometrie verlassen und sich ins Unendliche begeben. Kurz hatte er Angst, dass die beiden Fahrstühle dort, hoch oben zusammenstoßen, als sich die Tür im 14. Stock wieder öffnete und den Blick auf einen langen Gang freigab. Rechts und links war der Gang gesäumt von rechteckigen Bürotüren, grauer Teppich-Meterware auf dem Fußboden, die Wände weiß gestrichen. In den geöffneten Türen standen Mitarbeiter der Redaktion, viele mit einer Tasse Kaffee oder Tee in der Hand, und unterhielten sich angeregt. Andere blickten nach unten und beschäftigten sich mit ihren Smartphones oder lasen Zeitung. An den Wänden hingen Bilder mit senkrechten und waagerechten Linien. Hin und wieder eilte jemand durch den Gang aus einer Tür in die gegenüberliegende. Kesselmann trat aus dem Fahrstuhl und ging tiefer in die Büroetage hinein. Kam er an einem Mitarbeiter vorbei, wurde er freundlich begrüßt und angelächelt: „Wie geht es Ihnen?“ – „Guten Morgen.“ - „Schön Sie zu sehen.“ Kesselmann lächelte zurück und nickte freundlich. Er war zufrieden. Schließlich stellte sich ein Mitarbeiter vor ihn in den Gang und sprach ihn an: „He, Sie! Sie wollen bestimmt zum Ressortleiter, oder? Kommen Sie, ich zeige Ihnen den Weg.“

 

Kesselmann folgte ihm und versuchte sich dabei genau den Weg zu merken. Er wurde an vielen Bürotüren vorbeigeführt, um verschiedene Ecken herum, und als der Mitarbeiter schließlich stehen blieb, hatte Kesselmann das Gefühl mehrfach im Kreis – oder besser gesagt: um die Ecke - gegangen zu sein. Die Bürotür des Ressortleiters sah aus, wie alle anderen Bürotüren der Etage, einzig, dass sie weder vollkommen geöffnet noch geschlossen war; sie stand einen kleinen Spalt offen. Der Mitarbeiter bedeutete Kesselmann mit einem ausgestreckten Arm einzutreten und Kesselmann überlegte, ob die Tür wohl eher geschlossen war und er daher anklopfen sollte oder eher geöffnet und er also einfach eintreten konnte. Er entschied sich, beides zu tun, anzuklopfen und gleichzeitig einzutreten. Genau in diesem Moment klingelte im Büro das Telefon. Verunsichert blieb Kesselmann stehen, er stand jetzt zwar im Büro, aber fast noch bei der Tür, so dass er, wie er fand, weder richtig störte, noch sein Eintreten als Fehlstart missdeutet werden konnte. Der erste Eindruck war ja immer der wichtigste! Auch den Ressortleiter schien seine Anwesenheit nicht zu stören und er begann zu telefonieren. Dabei guckte er sich um, nickte, schrieb mit der freien Hand etwas auf einen Zettel, lehnte sich im Bürostuhl zurück oder schaute zu Kesselmann, ohne sich wirklich für ihn zu interessieren. Auch Kesselmann blickte sich um: der Raum war riesig. In der linken Ecke saß der Ressortleiter an seinem Schreibtisch. Vor ihm ein Computermonitor, davor eine Tastatur mit Maus, Bergen von Papier, ein Becher, in dem Stifte steckten, Taschenrechner, Hefter und viele weitere Utensilien. An der Wand gegenüber hing ein großes Bild, in dem der Ressortleiter in seinem Büro abgebildet war. Ein professionelles Foto, vielleicht als Erinnerung an ein besonderes Arbeitsjubiläum von den Kollegen. Kesselmann überlegte, von welcher Stelle im Zimmer es aufgenommen worden sein könnte, doch keine Stelle schien wirklich zu passen. Immer waren mehr Dinge im Bild, als in einer einzigen Einstellung hätten sein dürfen. Mal schien die Perspektive seinem jetzigen Standpunkt zu ähneln, doch dann hätte die Tür hinter ihm nicht zu sehen sein können. Wenn er hingegen in Gedanken die gegensätzliche Perspektive einnahm und den Blick aus dem Zimmer hinaus in den Flur richtete, dann hätte im Foto anstatt des Schreibtisches ein runder Tisch mit vier Stühlen für Meetings und Besprechungen in der Mitte des Raumes stehen müssen. Außerdem war in dem Bild noch eine kleinere Tür zu sehen, die sich aber in Wirklichkeit direkt neben dem echten Bild selbst befand, so dass sich aus dieser Perspektive das Bild im Bild selbst hätte zeigen müssen. Diese Tür führte zu einem weiteren Zimmer, aus dem Kesselmann das Tippen auf einer Computertastatur hörte. Zu Kesselmanns rechter Seite und im Bild perspektivisch versetzt stand ein einzelner Schrank an der Wand und in der linken Ecke schließlich ein kleiner Bürotisch, an dem ein Mann im mittleren Alter mit einem aufgeklappten Laptop auf den Knien saß und konzentriert arbeitete. Im Vergleich mit dem Schreibtisch des Ressortleiters wirkte der Arbeitsplatz mickrig. Kesselmann nickte dem Mann freundlich zu, der die Geste aber nicht erwiderte, ja, ihn vollkommen ignorierte. Dafür merkte Kesselmann, dass sich der Mitarbeiter, der ihn hergeführt hatte, heimlich davonstehlen wollte. Als dieser Kesselmanns Blick bemerkte, blieb er sofort stehen und lächelte schuldbewusst. Kesselmann hatte das Gefühl, dass danach die Situation für mehrere Minuten wie eingefroren war. Schließlich legte der Ressortleiter das Telefon auf und blickte Kesselmann fragend an: „Bringen sie die Tageszeitungen?“ - „Nein, ich bin der neue Mitarbeiter.“ – „Ich habe heute morgen noch keine wichtigen Zeitungen gelesen.“ – „Vielleicht habe ich sie am Bahnhof gesehen.“ – „Das ist gut. Darf ich Ihnen Professor Sirius vorstellen, er arbeitet an sehr wichtigen Dingen, ist allerdings nur zwei Tage die Woche hier und auch dann meistens nur vormittags.“ In diesem Augenblick klappte der Mann an dem kleinen Schreibtisch seinen Laptop zu, nahm seine Jacke und ging aus dem Büro. Dabei gab er im Vorbeigehen Kesselmann die Hand und verabschiedete sich freundlich: „Wir haben sicherlich noch Gelegenheit uns besser kennenzulernen. Am ersten Tag gibt es ja so viele neue Eindrücke. Das kann man sich gar nicht alles merken.“

 

Kesselmanns Aufgabe an diesem Tag war es, die wichtigsten Abteilungen der Redaktion kennenzulernen und dort jeweils eine Unterschrift auf einem Formular zu bekommen, die er am Ende der Personalabteilung wieder aushändigt. Der Mitarbeiter, der ihn zum Ressortleiter gebracht hatte und, wie sich herausstellte, Peter mit Vornamen hieß, sollte ihn dabei unterstützen, sich in dem Bürohochhaus zurecht zu finden. Also gingen sie gemeinsam zurück zum Fahrstuhl und Kesselmann hatte das Gefühl, sich in der Büroetage schon ein kleines bisschen besser auszukennen als bei seiner Ankunft. Ohne Zweifel half ihm bei der Orientierung, dass immer noch Mitarbeiter der Redaktion in ihren geöffneten Bürotüren standen und sich unterhielten oder mit irgendwas anderem beschäftigten. Auch hasteten immer noch Personen eilig von einem Raum zum nächsten und Kesselmann fühlte sich allmählich heimisch.    

 

Nachdem Kesselmann die Personalabteilung wegen der Formalitäten, die Haustechnik wegen der Zugangsschlüssel, die IT-Abteilung wegen der Arbeitswerkzeuge, das Sekretariat wegen der Unkosten, die Reisestelle wegen der Planungen, den Gesundheitsmanager wegen der Sicherheit am Arbeitsplatz, die Sicherheitsbeauftragte wegen der Schutzmaßnahmen bei Gefahr und sowie die Verwaltung wegen der Umlagen kennengelernt und alle Unterschriften beisammen hatte, war der Tag schon halb herum. Kesselmann entschied sich aber, auf das Mittagessen zu verzichten, und stattdessen dem Ressortleiter in seinem Büro einen weiteren Besuch abzustatten. Als er Peter von seinem Plan berichtete, schlug dieser allerdings vor, zunächst beim Lobbyisten vorbeizugehen. „Der Lobbyist hat fast das gleiche Büro wie der Ressortleiter, nur eine Etage weiter unten. Er ist schon sehr lange im Unternehmen und bei ihm kann man viel lernen, vor allem über seine Arbeit.“

 

Das Büro des Lobbyisten stand offen. Es war identisch mit dem des Ressortleiters, aber viel kleiner, genauer gesagt: viel flacher. Als Kesselmann in das Büro eintrat, sah er einen kleinen runden, grauhaarigen Mann, der mitten im Raum auf einem Stuhl stand und sein rechtes Ohr an die Decke hielt. Als er Kesselmann sah, lächelte er ihn freundlich an und stieg von dem Stuhl herab. Er ging geradewegs auf Kesselmann zu und schüttelte ihm mit beiden Händen die Hand: „Herzlich willkommen. Ich plane eng, sehr eng mit Ihnen zusammenarbeiten.“ – „Ich bin gespannt auf Ihre Tätigkeiten“, erwiderte Kesselmann, „und möchte gern von Ihnen lernen.“ – „Richtig.“ – „Allerdings habe ich von Hause aus ganz anderen Qualifikationen als die des Lobbyisten.“ – „Natürlich.“ – „Ich muss erstmal mit dem Ressortleiter klären, wo genau ich eingesetzt werde.“ – „Deswegen.“ – „Vielleicht ergänzen sich ja unsere Tätigkeiten.“ – „So ist es.“ Der Lobbyist lächelte Kesselmann dabei die ganze Zeit freundlich ins Gesicht und schüttelte ohne Unterlass seine Hand. Irgendwann entschied Kesselmann, seinen Arm vorerst beim Lobbyisten zu lassen, schließlich hatte er noch einen zweiten und heute an seinem ersten Arbeitstag würde er ihn ohnehin nicht mehr brauchen. Also verabschiedete er sich.  

 

Zurück im Büro des Ressortleiters fand er ihn ruhend. Gerade wollte Kesselmann einige selbstbewusste Fragen stellen, die seinen weiteren Karriereweg betreffen, als sich ein ihm noch unbekannter Mitarbeiter, der mit dem Rücken zu ihm am Tisch in der Mitte des Raumes saß und still arbeitet, mit seinem Zeigefinger vor dem Mund zu ihm umdrehte: „Psst!“. Kesselmann erfuhr, dass früh am nächsten Morgen eine Konferenz stattfände und der Ressortleiter sich jetzt ausruhen müsse, weil er einen wichtigen Vortrag halten würde – „vielleicht sogar den wichtigsten!“, wie der Mitarbeiter betonte. „Hat Ihnen das denn noch niemand gesagt?“ Die gesamte Belegschaft des ganzen Hauses – mehrere tausend Mitarbeiter, von der Putzfrau bis zum Lobbyisten – würde zur Konferenz erscheinen und die Ansprache hören. Schon seit Tagen wurde die Präsentation des Ressortleiters unter der Belegschaft herumgereicht, um Fehler zu korrigieren und Verbesserungen vorzunehmen. „Ist etwas einmal bei der Konferenz ausgesprochen, wird es nicht mehr einholbar sein“, erklärte der Mitarbeiter, der jetzt auf Kesselmann zuging. Daher sollten alle Mitarbeitenden schon vorher wissen, was er sagen würde, und hätten damit gleichzeitig die Gelegenheit, korrigierend einzugreifen. Ob er nicht auch einen Blick in das Dokument werfen wolle, schließlich falle es ja zukünftig insbesondere in seinen Arbeitsbereich. Kesselmann war einverstanden; der Mitarbeiter blieb stehen und nickte zufrieden. Damit näherte sich der erste Arbeitstag seinem Ende. Gerade wollte Kesselmann sich verabschieden, als Peter wieder auftauchte, der seit dem Besuch beim Lobbyisten verschwunden war. Freudestrahlend berichtete er, dass sich Kesselmanns erster Arbeitstag positiv herumgesprochen hatte und alle Mitarbeiter sehr angetan waren, insbesondere der Lobbyist. „Das geht am Ende auch auf mich zurück“, erklärte Peter und nahm Kesselmann das Formular mit den Unterschriften ab: „Das übernehme ich für Sie und bringe es zurück zur Personalabteilung!“

 

Interim

 

Über die lange Zeit von Kesselmanns Karriere beim P-Anzeiger gibt es wenig Berichtenswertes: Er begann seinen Dienst zunächst in einer Abstellkammer mit dem Sortieren von Broschüren, Kugelschreibern und sonstigen Büro-Utensilien. Wie es sich beim P-Anzeiger gehörte, wechselte er aber schon bald in einen anderen Raum und er musste abgestimmt mit seinen Kollegen an Texten feilen, später - als er erfahrener wurde – die Texte korrigieren und schließlich nur noch lesen. Da er fleißig war, wurde ihm nach einer angemessenen Weile ein größeres Büro zugewiesen und Kesselmanns Position wurde wichtiger. Schon saß er im Büro neben dem des Ressortleiters und nahm Anrufe entgegen, später arbeitete er sogar am kleinen Schreibtisch im Raum des Ressortleiters selbst bis er schließlich auf dem Schoß des Ressortleiters saß und gemeinsam mit ihm in den Computermonitor blickte oder das Bild an der Wand betrachtete. So ging es Tag für Tag bergauf.

 

Letzter Arbeitstag

 

An seinem letzten Arbeitstag fuhr Kesselmann mit dem Fahrstuhl bis ins oberste Stockwerk hinauf. Unzählige Gedanken schossen ihm durch den Kopf, ähnlich wie es wohl Personen ergeht, die in den Tod stürzen und ihr Leben Revue passieren sehen, nur dass er jetzt an seinem letzten Tag nach oben fuhr.

 

Es kamen ihm all die Etagen in den Sinn und die Abteilungen, Flure und Büros, die er kennengelernt hatte, unendlich viele Räume, streng sortiert nach vorne und  hinten, oben und unten. Für jeden Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin (wobei es allerdings fast nur männliche Mitarbeiter gab) genau ein Büro. Symmetrische Flure, die alle zum Ressortleiter führten. Eine Art Fluchtpunkt der Arbeit. Kesselmann versuchte sich an alles zu erinnern, was in der unendlichen Zeit seines beruflichen Werdegangs passiert war, und in seiner Vorstellung entstand nun Strich für Strich ein Abbild der Geschichte des P.-Anzeigers, wie eine Schraffur des Hochhauses, das alle Begebenheiten in einem Bild vereinbart, so verworren. Und mit jedem Stockwerk, den der Fahrstuhl erklomm, füllte sich das Bild des Hochhauses mit Leben, immer schneller: Die Mitarbeiter bewegten sich wie Ameisen im Zeitraffer durch die Flure oder standen nervös zuckend vor ihren offenen Büros. Überall ging Türen auf und zu und zu und auf, Personen gingen hinein und kamen heraus und auf wundersame Weise lief sich niemand über den Haufen, alles erschien koordiniert und sinnvoll, so als wäre es durchdrungen von einem großen Plan. Und auf einmal wurde Kesselmann klar, dass in einem Ameisenhaufen die Zeit langsamer läuft und nur für den menschlichen Betrachter ein Chaos erscheint. Er sah, wie der Lobbyist ein Stockwerk tiefer in seinem Büro lächelnd die Hände immer neuer Besucher schüttelte, während die Zahlen an Kesselmanns Fahrstuhlanzeige immer schneller zählten, die einstelligen Zahlen waren kaum mehr zu lesen, die Etagen rasten nur so durch, jetzt die Zehnerstellen, dann die hunderter Stellen, schon die tausender...

 

Alle diese Dinge, obgleich ihrer inneren Logik nach chronologisch, geschahen gleichzeitig. Und es war Kesselmann, als ob das Erste das Letzte bereits enthielt und gleichzeitig nur das Letzte das Erste plausibel machte. Wie die Henne und das Ei, vielleicht sogar andersherum - "Hysteron proteron", hörte er sich sagen. Und Kesselmann fragte sich, ob es wohl etwas gäbe, dass diesem Kreislauf enthoben sei, etwas, das für sich stand und die Zeit überdauerte. Dann entdeckte Kesselmann den Peter. Er war ihm bislang, vom Fahrstuhl aus, gar nicht aufgefallen. Peter hantierte tief im Keller des Hauses mit irgendetwas, was vom Fahrstuhl aus schwer zu erkennen war. Kesselmann musste sich mächtig anstrengen, um herauszufinden, was es war. Dort unten, hinter der Kellertreppe, links, war nämlich eine Abstellkammer mit einem Weinregal. Und unter dem Weinregal, direkt über der Fußleiste war ein kleines Loch in der Wand, wie ein Geheimversteck, mit einem Kasten darin. Hier bewahrte Peter von allen Mitarbeitern die Formulare mit den Unterschriften auf, die er eigentlich bei der Personalabteilung hätte angeben müssen, und je weiter der Fahrstuhl anstieg desto mehr wurden es. Anscheinend hatte er alle Formulare einfach behalten. Aber warum? Und waren es zunächst nur die Formulare von Kesselmann selbst und einigen anderen, die gerade beim P-Anzeiger angefangen hatten, so füllte sich der Kasten rasch. Anfangs faltete Peter jedes Formular noch ordentlich zusammen, damit es keinen Schaden durch die heimliche Ablage nahm; später als es immer mehr Formulare wurden, musste er sich beeilen und wurde unaufmerksam, faltete mehr aus Gewohnheit als aus ästhetischem Interesse; schließlich aber wurden die Formulare so vielzählig, dass Peter kaum noch Platz für sie fand und notgedrungen wieder mehr Wert aufs Falten legen musste, um nämlich Platz im Kasten zu sparen. Niemals hätte er sonst dort längerfristig die Formulare sammeln können und die Veruntreuung wäre aufgeflogen. Und Kesselmann vermutete: Die Formulare für die Personalabteilung sicherten Peter eine schier unglaubliche Macht im Unternehmen. Würde bekannt, dass das Formular eines Mitarbeiters nicht ordnungsgemäß bei der Personalabteilung abgegeben wurde, müsste dieser Mitarbeiter um seine Stellung bangen, denn ohne formelle Anmeldung bei der Personalabteilung wäre sein Beschäftigungsverhältnis ungeklärt. Und da Peter anscheinend von vielen, ja mittlerweile von fast allen Mitarbeitern die Formulare besaß, würde auch das Unternehmen selbst, so schloss Kesselmann, bei Bekanntwerden der Angelegenheit in ernsthafte Schwierigkeiten geraten – ein Unternehmen ohne Beschäftigte macht schließlich zu wenig Umsatz. Mehr noch: Wenn Kesselmann von Peters Geheimnis erfahren hatte, wie viele seiner Kollegen, fragte er sich, mussten wohl ebenso davon wissen und sich in permanenter Sorge befinden. Er spürte eine Atmosphäre der Angst im Unternehmen.

 

Und während Kesselmann – vom Fahrstuhl aus gesehen – bei seinem Ressortleiter auf dem Schoß saß und sich ganz nah an der Quelle der Macht wähnte, war es doch in Wirklichkeit immer nur der Peter im Keller gewesen, der das Unternehmen zu Erfolg oder Ruin führen konnte. In Kesselmanns Vorstellung hatte Peter über all die Zeit jede Mittagspause genutzt, um alleine im Keller seine Formulare zu begutachten, hatte seine Wurstbrote ausgepackt, während all die anderen Kollegen ins chinesische Restaurant zum Essen gegangen waren, und untersuchte ehrfürchtig seinen gut behüteten Schatz, immer nur ein oder zwei Dokumente pro Mittagspause und stets auf der Hut, die wohl gefalteten Papiere nicht mit seinen vom Wurstbrot fettigen Fingern zu beschmieren. Die ganze Zeit hatte sich Peter über seine Besitztümer gefreut und war gleichzeitig voll Sorge. Denn er wusste wohl, das konnte Kesselmann ihm ansehen, dass die Kollegen sich beim Mittagessen über seine Abwesenheit wunderten, ja, ihn für sonderbar hielten. Wenn alle gemeinsam zum Mittagessen gehen, sagten sie, und einer kommt nicht mit, dann hat er wohl etwas Besseres vor oder hält sich sogar für etwas Besseres; dann ist es auch besser, ein wachsames Auge auf ihn zu haben, um sich im Notfall gegen ihn wehren zu können. Peter ahnte, dass sie das gesagt hatten, konnte Kesselmann sich im Fahrstuhl denken. Deswegen war Peter sicher auch immer so froh gewesen, über die Formulare der Mitarbeiter zu verfügen und damit gegen einen Angriff der Kollegen gewappnet zu sein. Tatsächlich musste er sich desto sicherer fühlen, je mehr Formulare er in seinen Besitz brachte, folgerte Kesselmann im Fahrstuhl.

 

Auf einmal machte alles Sinn: Peter würde niemals die fehlenden Formulare der Mitarbeiter verraten, weil er dann auch kein Mittel mehr gegen einen Angriff der Kollegen hätte. Und andersherum würden die Kollegen niemals Peter angreifen, weil er sonst ihr ungeklärtes Beschäftigungsverhältnis offenbaren würde. Eine perfekte Balance, die dafür sorgte, dass alle Mitarbeiter ungestört ihren Aufgaben nachgehen konnten und das Unternehmen für alle Zeiten ungestört und sicher seinen Betrieb verfolgte und über die Welt berichten konnte. Das war Kesselmann nun klar. Und als er diese Erkenntnis hatte, spürte er eine gewaltige Erleichterung, die ihn wie ein Beben durchfuhr und daher rührte, dass die beiden Fahrstühle zusammengestoßen waren. Kesselmann stieg aus und stand auf dem Dach des Hochhauses. Ein Monolith inmitten des unbändigen Weltgeschehens. Um ihn herum das Panorama der geschäftigen Stadt. Tag für Tag berichtete der P-Anzeiger über die Geschehnisse der Welt und jeden Tag, jede Minute veränderte sich die Welt, immer wieder passierte etwas Neues. Der P-Anzeiger zog es wie ein Magnet an sich heran. Eine kühle Brise erfrischte ihn und er atmete tief durch. Ein paar Meter entfernt, am Rande des Daches, erblickte er den Lobbyisten, der in die Tiefe schaute und gedankenverloren irgendwas murmelte und dabei leicht mit dem Kopf nickte. Kesselmann wusste nicht, was er tun oder antworten sollte und ob der Lobbyist überhaupt mit ihm oder vielleicht nur mit sich selbst sprach. Schließlich ging er ein paar Schritte und stellte sich neben ihn. Der Lobbyist sprach, ohne Notiz von Kesselmann zu nehmen, im gleichen Tonfall weiter: „Wissen Sie, die meisten Menschen denken, der P-Anzeiger existiere nur, weil er über ihren Alltag dort draußen berichtet. Dabei ist es in Wahrheit genau andersherum: Der P.-Anzeiger berichtet nur über ihren Alltag, weil er existiert.“ Kesselmann verstand nicht, aber erinnerte sich, wie er an seinem ersten Arbeitstag vor dem Gebäude stand und nach oben, zum Dach hinaufblickte. Jetzt stand er oben und blickte nach unten.