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Ideen zu einer Spektralliteratur



"Wir befinden uns immer in Situationen, gleichgültig, ob uns diese explizit [...] bewusst werden oder nicht."

(Karen Gloy, Zeit - Eine Morphologie)


Die Welt ist eine Aneinanderreihung, Verschmelzung, Überlappung - genauer: ein chaotisches Durcheinander von Situationen und darin gebundener Augenblicke. Wollen wir die Welt verstehen und literarisch erfassen, müssen wir die Situationen betrachten, die uns die Welt in jedem Augenblick offenbaren, und in Ihrer Mannigfaltigkeit darstellen. Wie ein weit ausgestrecktes Feld der Aktualität spannen Situationen in einem Moment den Horizont unseres Lebens und Erlebens auf. Beschreiben wir solch einen Moment, z.B. einen idyllischen Spaziergang auf einer Wiese in einem Dorf, Blumen um uns herum, Pferde auf einer Koppel, Kaninchen hüpfen durch Grass und verschwinden im Gestrüpp. Wir sind ganz bei diesen Dingen. In ihnen offenbart sich unser Leben auf dem Dorf, unsere Lebenserfahrungen. Noch mehr: Unser gelebtes Leben macht die Dinge erst zu dem, was sie für uns sind – die Wiese mit ihren ausgetrampelten Pfaden, die Pferde, die dem Nachbarn gehören und am Sonntag ausgeritten werden, all die Blumen und Kräuter. Die ganze Situation bekommt ihre Bedeutung erst durch unser Erleben und andersherum machen sie uns zu dem, was wir sind, zu dem erfahrenen Landmenschen, dem von der Natur beseelten Städter, dem Tierliebhaber, dem Naturfreund usw.. In jedem Augenblick werden alle Bestandteile der Situation zu einer Einheit.


Betrachtet man nun literarische Texte, so stellt man fest, dass sie zumeist aus dem Aneinanderreihen von Gedanken, Erklärungen, Beschreibungen und vielen weiteren Elementen bestehen, die alle einen im erzählten Text implizite als Welt angenommenen Realitätskern unterstellen. Alles im Text, so könnte man sagen, passiert in einer (fiktiven) Wirklichkeit, die im Text vorausgesetzt und durch ihn expliziert wird. Einige Textelemente sind atmosphärisch, dicht, andere mit Spannung geladen oder sachlich analysierend. Dazu kommen Übergänge von Textteil A zu Textteil B, Rückblenden, Vorgriffe, Steigerungen oder Ruhepunkte – alles im Rahmen der Dramaturgie, dieser Bedingung der Möglichkeit die implizierte Welt (er-)lesbar zu machen. Die Dramaturgie hilft, das vorhandene Material zu ordnen und zu strukturieren. Das Erzählen muss natürlich nicht chronologisch oder linear sein und auch die Geschichte selbst kann zeitliche Sprünge enthalten, aber eins steht fest: Der Text fängt an einer Stelle an und endet an einer anderen Stelle – das liegt am Wesen des endlichen Lesens.


Die Spektralliteratur ist anders


Will man Klarheit erlangen über die Elemente der erzählten Wirklichkeit, muss man sich den Situationen zuwenden. Jede Situation muss zum "atomaren Kern" des Gesamttextes – nein: sie selbst muss zum Gesamttext – werden. Wie Kristallisationspunkte der Erkenntnis offenbart jede von ihnen eine eigene Realität des Augenblicks, in der ein ganzes Leben und eine ganze Welt gebunden ist. Sie zusammen bilden ein Spektrum aus Textkristallen. Jedes Spektrum besteht aus vielen einzelnen Situationen, die von einem oder auch mehrerer Autoren stammen können, neu sind oder auch aus vorhandenen Texten extrahiert. Es kommen stetig neue Situationen hinzu - und ja - es können auch alte gelöscht werden. Das Spektrum ist in einem stetigen Wandel. Alle Situationen zusammen - obgleich nicht um ein Thema kreisend, inhaltlich arbiträr und ohne zeitlichen Bezug - bilden eine Einheit in ihrer Vielheit. Ein Spektrum steht nur für sich selbst, es ist Welt vom Text aus gedacht.


Gleichwohl entsteht dabei auch neuer Kontext, es werden Möglichkeiten von Zusammenhängen geschaffen und in den Situationen gebundene Welterkenntnis offenbar. Die Struktur dieser Erkenntnis ist aber diffus, abhängig von der freigewählten "Leserichtung und -reihenfolge".  Die so erzählten Möglichkeiten von Welt verfügen über keine Vorstrukturierung nach dramaturgischen Regeln, Zusammenhängen oder Faktizität, um die Spannung zu steigern oder dem Text einen Rahmen zu geben. Die Wirklichkeit kennt keine Spannungsbögen – ihr werden diese Strukturen nur eingeschrieben und sie wird zu dem gemacht, wozu man sie haben will: eine als Geschichte erzählbare Welt.


Close reading und distant reading


Andersherum kann aber ein Spektrum der Quell für das Erzählen neuer Geschichten sein. Wie eine Galaxie ist ein Spektrum eine für sich geschlossene Welt diffuser Situationen, in denen Möglichkeiten für Geschichten und Erkenntnisse gebunden und verborgen sind. Im Zusammenspiel mit anderen entfalten die Situationen ihr Potenzial. Dafür werden sie miteinander vernetzt und jeder Leser kann neue Verbindungen hinzufügen. Dem aufmerksamen Leser können so bei jeder neuen Lektüre spannende Zusammenhänge aufblitzen, neue Begebenheiten erscheinen und sich mit anderen kontextualisieren. Einem anderen Leser bleiben sie vielleicht singuläre Situationen eines banalen Alltags. Nicht jeden Tag erlebt man ein Abenteuer und nur wer bereit dafür ist, wird auch bemerken, wenn es da ist.


Wie verhalten sich aber die Situationen insgesamt zueinander? Gibt es Anziehungskräfte zwischen ihnen, stoßen sich andere ab? Können Situationen kategorisiert werden, thematisch geordnet? Welche Situationen sind zugänglicher und werden öfter gelesen als andere? Wir verlassen das Feld der Textinhalte und betreten die Welt der Empirie und Datenverarbeitung. Wir können Statistiken führen über Spektren, können sie semantisch durchsuchen und filtern. Wir erlangen Erkenntnisse über thematische Schwerpunkte in ihnen und über Randthemen. All dies wird wieder Rückwirkung haben auf die Lektüre und die Produktion neuer Situationen - und lässt sich ebenfalls erneut untersuchen. Spektralliteratur bietet ein weites Feld für die Forschung.


Was kommt nach dem Spektrum?


Jenseits unserer Horizontes walten andere Galaxien - eine Vielzahl von Spektren sind möglich. Spektren, in denen Texte nach spezielleren Kriterien angeordnet werden, mit komplexen Binnenregeln oder rein hierarchisch, auf Basis von umfassenden Ontologien oder einfachen Baumstrukturen. Gleich Astronomen können wir die Spektren erforschen und vermessen. In gewissem Sinne gilt: Das Verhältnis der Spektren untereinander entspricht dem Verhältnis der Situationen untereinander – Makrokosmos und Mikrokosmos. Den Möglichkeiten der Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt. 


Sind Spektren neutrale Gebilde oder tragen sie Werte in sich, sind sie politisch oder gerecht? Können wir regulieren, welche Spektren es geben darf und welche nicht? Wie verhalten sie sich zueinander – führen sie Kriege? In dem Moment, wo die Spektralliteratur sich öffnet, wo viele Autoren diese Welten erschaffen, Sichtweisen kodifizieren und, gewollt oder ungewollt, Quell neuer Erkenntnisse werden, in diesem Moment wird die Spektralliteratur politisch. Wir werden uns entscheiden müssen, für Spektren oder gegen sie.