Ton-Fall


Am Ende ist das surrende Geräusch der Tischlampe, es schlängelt sich durch das Büro, flink und wendig wie eine Schlange, an der Wand entlang, in die Ecken, über den dunkelblauen Büroteppich, dann breitet es sich aus, legt sich über dem Schreibtisch, bedeckt die Tasten und den Monitor und zieht sich wieder zusammen, schlängelt weiter von links nach rechts und rechts nach links und so weiter und so fort. Wenn ich mich langweile, fange ich an, die Dinge mit anderen Augen zu sehen. Ein alter Tischrechner mit großen Tasten, digitaler Anzeige mit eckigen Zahlen aus schwarzen Strichen auf grauem Grund und einer kleinen Solarzelle für den Akku. Er liegt auf dem Schreibtisch, als würde er aus dem Fenster auf die Straße herausgucken wollen, und ist vollkommen nutzlos. Irgendwann hat ihn mal jemand angeschafft und jetzt im Zeitalter der Laptops und Smartphones traut sich keiner mehr, ihn wegzuschmeißen. So ein seltsames Ding. Ich folge seiner Blickrichtung, wenn man es so sagen kann, und sehe aus dem Fenster auf die Straße. Mein Blickfeld umfasst nun genau das Innere vom viereckigen Fenster. Ich bin die Augen des Bürohochhauses, 8. Stock. Wenn ich diesen Ausblick fixiere und mir einpräge, werde ich ihn niemals vergessen. Er wird in meinem Langzeitgedächtnis festsitzen, wie ein Screenshot meines Blickes aus dem Fenster in genau diesem Moment. Ein Moment, der nie wiederkommt und doch für immer festgehalten ist. Vielleicht wird dieser Blick aus dem Büro sogar meine Erinnerungen an den Büroraum überdauern. Das Fenster geht auf eine Straße, die von rechts unten nach links oben verläuft, in der Mitte eine Kreuzung. An der Ampel steht ein kleines Auto. Gegenstand Auto, Eigenschaft silber. Links und rechts auf dem Bürgersteig sind in dem Screenshot, den ich mir in Gedanken gemacht habe, Menschen, die in der Bewegung wie eingefroren stehen bleiben. Gegenstand Mensch, Eigenschaft stehen geblieben. Geräusche von der Straße höre ich nicht, aber über allem liegt das surrende Geräusch der Tischlampe. Es scheint sich über dem Screenshot auszubreiten und links und rechts hineinzuragen in das Büro, das selbst wiederum schweigend den blassen Rahmen meines Screenshots bildet. In das surrende Geräusch der Tischlampe mischen sich Schritte auf dem Flur und jenseits des Horizonts meines Fensterblicks stelle ich mir einen Kollege vor, der an meiner geöffneten Bürotür vorbeigeht. Er guckt nach unten, weil er nicht von mir gesehen werden will. Wenn wir die Rollen tauschen, würde ich an seiner Stelle auf dem Flur vor dem Büro vorbeigehen. Wenn ich dann in die offene Tür hineinschaue, sehe ich ihn statt mich am Schreibtisch sitzen und sich langweilen. So ein Faulenzer, sitzt da inmitten dieses surrendes Geräusches der Tischlampe und macht nichts! Plötzlich ein leises Rascheln auf dem Flur. Ich male mir aus, dass mein Chef mir dort - in der Person des anderen - auf die Schulter klopft und mir bedeutet, in einen Meetingraum mitzukommen, wo fast alle Kollegen sitzen und Witze über den Kollegen - mich - am Schreibtisch machen. Ich stimme in die Lästereien mit ein und sage, dass er wohl schwer beschäftigt ist mit Nichtstun, dieser Faulpelz, und mein Chef sagt, dass man solche Typen wie ihn am besten gleich feuern sollte, und alle lachen. Das surrende Geräusch der Tischlampe wird immer lauter. Die Stimmen der Kollegen, das Lachen, die Geräusche auf dem Flur - sie alle können mich kurz ablenken, aber sie sind nicht so beständig wie das surrende Geräusch der Tischlampe. Viele Geräusche kommen und gehen, das surrende Geräusch der Tischlampe ist immer da. Tief in mir drin verwurzelt verweist es weit in die Zukunft des Büroraumes. Sind Geräusche Gegenstände oder Eigenschaften? Während ich weiter in meinem Screenshot versinke, weicht der Büroraum rund um mich herum zurück, wie die Möhre vor der Nase eines lahmen Esels. Das Büro zieht mich an und weicht zurück, zieht mich an und weicht zurück… Die Distanz zwischen mir und meiner Arbeit ist mindestens so groß wie vom Fenster zur Straße. Ich frage mich, ob nicht das Silberne dort auch etwas anderes als ein Auto sein könnte, vielleicht eine Eigenschaften vom surrenden Geräusch der Tischlampe. Da höre ich schon den Chef in der Bürotür mit seinem Chef-Tonfall sagen: Darf ich kurz stören, Herr Kollege, Sie haben viel zu tun, zeigen Sie mir doch bitte das wichtige Dokument. Ich verstehe nicht, weil das surrende Geräusch der Tischlampe so laut ist und der Raum gleichzeitig drückt und flieht und der Screenshot: da ist schon wieder das gleiche silberne Etwas wie vorhin, nur bewegt es sich dieses Mal rückwärts von links nach rechts und breitet sich auf meinem Schreibtisch aus. Ich greife danach und tippe beschäftigt etwas in den Tischrechner. Dann reiche meinem Chef irgendein Dokument. Er ist zufrieden und geht. Und es bleibt das surrende Geräusch der Tischlampe.